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Mo. 27. Juni 2016

33 Jahre Mössinger Bergrutsch - Nationaler Geotop -

 

Einer der bedeutendsten Geotope Deutschlands

- Das Jahrhundertereignis der Schwäbischen Alb -

Erinnerungen an den Mössinger Bergrutsch von Armin Dieter

Es ist Dienstag morgen, der 12. April 1983: Ein nebliger, regnerischer Morgen wie an zahlreichen Tagen davor. Nebelschwaden und dicke regenschwere Wolken hängen ins Tal und lassen die Steilhänge am Rande der Schwäbischen Alb verschwinden, so als würde es diese gar nicht geben. Nieselregen löst die starken Niederschläge der letzten Tage und Wochen ab. Es herrscht gespenstische Ruhe am Hirschkopf. Doch plötzlich rumort es leise im Boden, ein leichtes Zittern ist vernehmbar und dann gerät der ganze Berghang in Bewegung. Die anfängliche Stille geht in ein lautes Krachen und Knacken über, Bäume zersplittern oder rutschen senkrecht stehend zu Tal. Gesteinsbrocken stürzen von der Hochfläche und bersten beim Aufschlag mit einem ohrenbetäubenden Lärm auseinander. Der ganze Berg rutscht und sackt scheinbar in sich zusammen. Eine Naturkatastrophe unvergleichbaren Ausmaßes deutet sich an.

So oder so ähnlich könnte sich der größte Bergrutsch Baden-Württembergs seit mehr als 100 Jahren, ausgelöst durch tagelange starke Regenfälle, abgespielt haben. Keiner weiß es genau - denn es gibt keine Ohren und keine Augenzeugen. Die Nebelbank behinderte die Sicht auf den Hang und dämpfte die Geräuschkulisse, so daß von der Ferne nichts mitzubekommen war. Klar ist nur, als der zuständige Revierförster morgens um 9.00 Uhr noch die übliche Forstinspektionsfahrt auf den Waldwegen am Hirschkopf bei Mössingen, einem bewaldeten Steilhang am Rande der Schwäbischen Alb, unternimmt, ahnt er nichts von dem Naturereignis das wenig später eintreten sollte. Um die Mittagszeit gehen bei den Behörden erste Meldungen ein, daß sich am Hirschkopf etwas ereignet. Ein erstes vorsichtiges Betreten hinterläßt gespenstische Eindrücke. Nebelschwaden nehmen einem immer noch die Sicht. Doch das Erstaunen ist groß: der Weg, den noch am Morgen der Revierförster befuhr, streicht mitten in der Luft aus und endet vor einem 20 Meter tiefen Abgrund. Schemenhaft ist durch die aufsteigenden Nebelfelder talseits eine unwirtliche Landschaft zu erkennen. Wo einst ein dichter Wald vorherrschte, zeigt sich jetzt eine riesige vegetationslose Steinwüste ("Kieswüste") mit meterhohen Geröllhügeln und im Anschluß Tausende von Bäumen, kreuz und quer ineinander verkeilt. Und der einst bewaldete, begehbare Albtrauf verwandelte sich in eine nackte Steilwand mit riesigen Schollenabbrüchen. Insgesamt ein befremdender und eindrucksvoller Anblick verheerender Naturgewalten. Und mancher Mössinger traute tags darauf seinen Augen nicht, als sich der Hirschkopf im vollen Sonnenschein präsentierte und eine riesige helle Fläche statt eines grünen Waldes zum Vorschein kam. Erst jetzt läßt sich das ganze Ausmaß einigermaßen abschätzen, macht der Albtrauf bei Mössingen über Nacht Schlagzeilen und flimmerte via Fernsehen bundesweit in die Wohnstuben. Das betroffene Gelände umfaßte anfänglich eine Fläche von 25 Hektar und verdoppelte sich 14 Tage später auf 50 Hektar (70 Fußballfelder). Dies bedeutet, daß jetzt im ganzen 5 bis 6 Millionen Kubikmeter Erde und Geröll mit einem Gewicht von 9 bis 10 Millionen Tonnen (350 000 beladene Lastwagen einschließlich Anhänger) abgingen. Da die "Kieswüste" zunächst keine Humusschicht aufwies, andererseits kurz nach dem Rutsch weder Tiere noch Pflanzen beherbergte, sprach man von einer "biologischen Nullzone". Tierisches und pflanzliches Leben mußte sich, abgesehen von kleinen Teilflächen mit der ursprünglichen Vegetation, neu ansiedeln. Der Bergrutsch bedeutete somit auch einen "Sturz in den Anfang".

Das Gelände ist deshalb für die folgenden Jahre ein Modellfall für die fortschreitende Entwicklung der Fauna und Flora von der ersten Pionierpflanze bis zum Endstadium geworden. Zahlreiche, sogar teils vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten fanden hier einen neuen Lebensraum vor und waren einige Jahre lang anzutreffen. So brüten in der Steilwand der stark gefährdete Wanderfalke und der seltene Kolkrabe.Nicht häufig anzutreffende Insektenarten besiedelten neben gefährdeten Orchideen, wie Bienenragwurz und Mückenhändelwurz, die Geröllhalde. Zahlreiche entstandene Tümpel bieten ein Refugium für verschiedene Amphibienarten unter anderem auch der vom Aussterben bedrohten Europäischen Sumpfschildkröte. Aber viele der Raritäten, die sich nach dem Naturereignis hier ansiedelten (auch einige der oben beispielhaft genannten), gehören heute bereits wieder längst der Vergangenheit an. Inzwischen ist die Sukzession der Vegetation schon ziemlich weit fortgeschritten. Tümpel verlanden, freie Flächen wachsen zu, kleinere Pflanzen werden von größeren abgelöst und vollends verdrängt - der natürliche Verdrängungseffekt setzt ein. Von Jahr zu Jahr nimmt so die Artenvielfalt im Bergrutschgelände wieder ab, verlieren viele Tier- und Pflanzenarten ihren Lebensraum und wird in wenigen Jahren wieder der "Normalzustand" erreicht. Bereits heute sind eine Vielzahl der Tier- und Pflanzenaretn schon wieder verschwunden. Der "Mössinger Bergrutsch" gilt als Jahrhundertereignis und ist ein imposantes Lehrbeispiel für die Rückverlagerung der Schwäbischen Alb. Hier zeigt die Natur eindrucksvoll auf, wie das Rückschreiten des Albtraufs, der einst in der Stuttgarter Gegend verlief, vonstatten geht. Durchschnittlich weicht die Schwäbische Alb 1,6 mm pro Jahr zurück. Am Hirschkopf bei Mössingen waren es jedoch an der tiefsten Stelle 32 Meter in wenigen Stunden. Wir sind hier somit am Albtrauf bei Mössingen der Zeit statistisch gesehen um zwanzigtausend Jahre voraus. Auch die Wiederbesiedlung einer angeblichen Naturkatastrophe, einer totgesagten Landschaft konnte bislang in dieser Form einmalig und eindrucksvoll mitverfolgt werden.

Das Rutschgelände ist auch heute noch nicht ganz zum Stillstand gekommen und hat sich in den letzten Jahren inoffiziell auf knapp 80 Hektar ausgedehnt. Seit 1988 zum Großteil als Naturschutzgebiet ausgewiesen und seit 2006 "Natinonaler Geotop", ist das Betreten des Bergrutschgeländes bis auf einen kleinen Rundwanderweg verboten. Es besteht aber die Möglichkeit sich bei einem Dia-Vortrag oder bei einer Führung des Autors (Tel. 0 74 73 - 68 30) näher zu informieren. Des weiteren sind vier Bücher von ihm über die Entwicklung des Geländes erschienen.

© Armin Dieter, Naturfotograf und Bergrutschführer

 

   
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